Camper – Traditionen: „Das Winken“

Von meinen Eltern habe ich doch hoffentlich einiges Gutes mit auf den Weg in die Welt mitbekommen. Dazu gehören einige Regeln des Anstands und der Höflichkeit.
So versuche auch ich meiner Tochter diese Werte mitzugeben. Dazu gehört neben „Bitte und Danke“ auch das Grüßen. In unserem kleinen Kurort im Südharz kannte fast jeder jeden. Und es grüßte auch jeder jeden. Und das nicht unbedingt mit dem Hintergedanken, dass man den Gegenüber ja vielleicht ja doch irgendwann mal brauchen könnte.
Mein Vater war Teil-Berufskraftfahrer und wann immer ich konnte, saß ich bei ihm auf dem, zugegebenermaßen kleinen Bock (zuerst ein FRAMO und dann ganz stolz im neuen B1000 😉.) Der Verkehr in der DDR war ja bekanntermaßen bei weitem nicht mit dem heutigen Gewusel und Stress auf den deutschen Straßen vergleichbar. Da konnte es man sich leisten, jeden entgegenkommenden Fahrer wenigstens ganz kurz zu Grüßen. Das musste kein wildes Gewinke sein, sondern ein kurzes Anheben der Hand zeigte schon das höfliche Entgegenkommen. Wenn wir heutzutage jedes Fahrzeug grüßen wollten, bekämen wir wahrscheinlich die Hand nicht mehr ans Lenkrad 🙃
Von daher finde ich es schon schön, wenn sich gleichgesinnte Zeitgenossen einen kurzen Gruß zukommen lassen. So halten es viele Fernfahrer, Biker und eben auch Camper.

Da ich ja auch seit einigen Jahren vom UNIMOG auf einen Camper umgestiegen bin, nehme auch diese Tradition gerne weiter mit auf die Straße und grüße jeden Gleichgesinnten, der mir entgegenkommt. Auf der Autobahn, jede Weißware zu grüßen, finde ich aber dann doch übertrieben 😊.
Bei Facebook bin ich auf eine interessante Diskussion zu diesem Thema gestoßen.
Christian Müller aus Braunschweig hat es meiner Meinung nach auf den Punkt gebracht. Seinen Beitrag darf ich nach Rückfrage hier veröffentlichen:

Der Wohnmobil-Grüß-Knigge:

  • Regel 1: Der „Kastenwagen-Komplex“ (Die Hierarchie-Regel)
    Gegrüßt wird grundsätzlich nach Hubraum, Aufbauhöhe und Anschaffungspreis. Ein stolzer Liner-Fahrer würdigt den charmanten Selbstausbau-Bulli oft nur mit einem minimalen Nicken der linken Augenbraue. Als Kastenwagen-Fahrer wiederum musst du den Gruß beim Integrierten dreimal schriftlich beantragen.
    Die Ausnahme: Siehst du ein exakt baugleiches Modell wie deines, ist wilde, beidhändige Ekstase inklusive Lichthupe absolute Pflicht!
  • Regel 2: „Die 100-km/h-Grenzverschiebung“
    Die Intensität des Grußes verhält sich umgekehrt proportional zur Fahrgeschwindigkeit.
    Bis 50 km/h (Innereorts):** Entspanntes Winken, Lächeln, eventuell ein kurzes „Daumen hoch“.
    Bis 100 km/h (Landstraße):** Das klassische „Zwei-Finger-Vom-Lenkrad-Heben“ (auch bekannt als der lässige Captain).
    Ab 110 km/h (Autobahn):** Bloß keine hektischen Bewegungen! Jede Handbewegung könnte den cw-Wert einer Einbauküche so negativ beeinflussen, dass der Spritverbrauch ins Unermessliche steigt. Hier reicht ein starres, fokussiertes Starren.
  • Regel 3: „Die „Bloß kein Stress“-Morgenstarre“
    Vor dem ersten Kaffee auf dem Stellplatz gilt ein strenges Waffenstillstandsabkommen. Wer morgens um 07:00 Uhr mit der Toilettenkassette unterm Arm an der Entsorgungsstation vorbeimarschiert, grüßt nicht mit einem fröhlichen „Guten Morgen, Sonnenschein!“. Ein gequältes, mürrisches Brummen, das signalisiert: „Ich tue das nicht freiwillig“, reicht völlig aus.
  • Regel 4: „Der Vollintegrierte Tarnkappen-Effekt“
    Fahrer von vollintegrierten Premium-Linern hinter gigantischen Panorama-Windschutzscheiben leiden oft unter dem „Aquarium-Effekt“. Weil man sie sieht, sie selbst aber aufgrund der Spiegelungen die Außenwelt nur schemenhaft wahrnehmen, haben sie eine eingebaute Entschuldigung. Wenn sie nicht zurückgrüßen, liegt das nicht an Arroganz – sie dachten einfach, du wärst eine vorbeifliegende Schwalbe.
  • Regel 5: „Das synchrone Scheibenwischer-Dilemma“
    Solltest du aus Versehen statt der Lichthupe den Scheibenwischer betätigen (weil der Miet-Camper den Hebel auf der falschen Seite hat), musst du die Situation retten. Tue so, als hättest du eine imaginäre Fliege von der Scheibe jagen wollen, und winke im exakten Rhythmus des Scheibenwischers weiter.
  • Das absolute NO-GO ❌ „Die Mietwagen-Ignoranz“
    Das absolut größte Verbrechen im Camper-Universum: „Das Ignorieren des Grußes, weil man ein frisch gemietetes Fahrzeug fährt.“
    Wer im Juli mit einem blütenweißen Alkoven-Mobil der großen Vermietungen unterwegs ist und den Gruß der eingeschworenen Community mit dem panischen Blick eines Fahrschülers ignoriert, verliert jegliches Anrecht auf den besten Stellplatz am See.

Vielen Dank nochmals an Christian, der das für mich perfekte Regelwerk erstellt hat.

Rodgau – im Juni 2026

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen